Elektrifizierung und neue Energielösungen nehmen Fahrt auf
Die Reduzierung von Emissionen bleibt eine der zentralen Herausforderungen der Schifffahrt. Entsprechend intensiv arbeitet die Branche daran, Energie an Bord effizienter einzusetzen und neue Antriebskonzepte in die Praxis zu bringen.
Zu den vorgestellten Entwicklungen zählen unter anderem die Solid-State-Marinebatterie von EPTechnologies (Dänemark), die als erste DNV-zugelassene Feststoffbatterie für den Marineeinsatz neue Maßstäbe setzen soll. Ihre Weltpremiere auf der SMM feiern außerdem die austauschbaren Batteriecontainer von AYK Energy (Andorra) sowie die modularen Batteriesysteme von SCIO Energy (Deutschland). Gerade für Short-Sea-Verkehre, die Binnenschifffahrt und hybride Anwendungen eröffnen modulare und austauschbare Batteriesysteme neue Möglichkeiten für die Elektrifizierung.
Das Wasserstoffprojekt NavHyS arbeitet an Verfahren für die Speicherung und Nutzung von Flüssigwasserstoff in der Schifffahrt. Gas and Heat (Italien) zeigt dazu ein neuartiges LH2-Tanksystem für maritime Anwendungen.
Auch hybride Antriebssysteme gewinnen weiter an Bedeutung. Rolls-Royce Power Systems (Deutschland) zeigt auf der SMM erstmals seine Variable-Speed-Gensets der mtu Series 2000, die insbesondere für batterieunterstützte Anwendungen und als Range Extender ausgelegt sind. Nach Unternehmensangaben können Kraftstoffverbrauch und CO₂-Emissionen damit um bis zu 15 Prozent reduziert werden. Der ZF 9200 A/V PTI von ZF Friedrichshafen (Deutschland) ist für hybride und elektrische Antriebskonzepte ausgelegt.
Weitere Ansätze zielen auf alternative Kraftstoffe und einen effizienterenEnergieeinsatz an Bord. Dazu zählt beispielsweise BioHFO von TecnoVeritas (Portugal), das den Einsatz von Biokraftstoffen und konventionellen Kraftstoffen in variablen Mischungsverhältnissen ermöglichen soll und damit auch für bestehende Flotten eine Option zur Emissionsreduzierung bietet. Alfa Laval (Schweden) präsentiert mit dem Hukka-5 eine neue Generation von Abwärmerückgewinnungssystemen für Kreuzfahrt- und Passagierschiffe. Indem Abwärme aus den Abgasen zurückgewonnen wird, soll der Kraftstoffverbrauch gesenkt und die Energieeffizienz an Bord weiter gesteigert werden.
Wie sich Energieeffizienz und Kraftstoffflexibilität in einem Schiffskonzept verbinden lassen, zeigt Damen (Niederlande) mit dem Container Feeder 1100, der auf der SMM Weltpremiere feiert. Das für die Short-Sea-Containerschifffahrt entwickelte Konzept kombiniert ein energieeffizientes Rumpf- und Antriebskonzept mit der Möglichkeit, alternative Kraftstoffe wie Methanol und Biokraftstoffe einzusetzen.
Wind erlebt ein Comeback auf See
Ein besonders dynamisches Innovationsfeld ist die windgestützte Schiffspropulsion. Auf der SMM zeigen internationale Aussteller unterschiedliche technologische Ansätze.
Beyond the Sea (Frankreich) präsentiert mit dem automatisierten Zugdrachensystem SeaKite® eine Technologie, die sowohl für Neubauten als auch für bestehende Schiffe einsetzbar sein soll. Andere Aussteller setzen auf Segel- und Flügelsysteme: Michelin WISAMO (Frankreich) zeigt sein automatisiertes Segelsystem, North Windships (Großbritannien) die DynaRig-Technologie und Oceanbird (Schweden) die Wing560. Stirling Design International (Frankreich) wiederum zeigt mit einem windunterstützten Kamsarmax-Bulkcarrier, wie sich solche Technologien bereits in konkrete Schiffskonzepte integrieren lassen. Welches System sich eignet, hängt unter anderem von Schiffstyp, Fahrtgebiet und Einsatzprofil ab.
Auch jenseits des Windantriebs lässt sich der Energiebedarf durch konstruktive Lösungen senken. Hull Vane (Niederlande) präsentiert eine hydrodynamische Effizienztechnologie, die durch eine optimierte Rumpfhydrodynamik den Treibstoffverbrauch reduziert.
Neben der Effizienz rückt auch der Unterwasserschall stärker in den Fokus. Mecklenburger Metallguss (MMG, Deutschland) hat mit ESPROsilent einen Propeller entwickelt, bei dessen Optimierung auch die Reduzierung der Schallemissionen eine zentrale Rolle spielen. Grundlage sind Simulationsverfahren, die MMG in mehreren Verbundforschungsvorhaben entwickelt und durch Messungen an verschiedenen Schiffstypen und in unterschiedlichen Betriebszuständen validiert hat. Mit Blick auf die Arbeiten der IMO an Richtlinien zur Begrenzung von Unterwasserschall gewinnt das Thema weiter an Relevanz.
KI wird zum Werkzeug für den maritimen Alltag
Parallel zur Dekarbonisierung gewinnt die Digitalisierung weiter an Bedeutung. Künstliche Intelligenz entwickelt sich zunehmend vom Experiment zu einem praktischen Werkzeug. Entscheidend ist dabei der konkrete Nutzen für Werften, Reedereien und Besatzungen.
Der RuleAgent von DNV (Norwegen) soll die Arbeit mit komplexen Klassifikationsregeln vereinfachen und damit Konstruktions- und Zulassungsprozesse unterstützen. Die Engineering-Plattform AILA.ai (Finnland) setzt KI in technischen Arbeitsprozessen ein. Tototheo Global (Zypern) zeigt mit Echoverse einen digitalen Zwilling, der für Zustandsüberwachung, Wartung und die Optimierung des Schiffsbetriebs genutzt werden kann. Astrolabe von Intellar (Zypern) unterstützt das Crew-Management.
Einen unmittelbaren Nutzen für die Besatzung verspricht Admiralty Virtual Ports des UK Hydrographic Office (Großbritannien). Die Lösung zur digitalen Hafenfamiliarisierung feiert auf der SMM ihre Weltpremiere. Die immersive 3D-Anwendung soll es Seeleuten ermöglichen, sich bereits vor dem Anlaufen eines unbekannten oder navigatorisch anspruchsvollen Hafens mit dessen Besonderheiten vertraut zu machen.
Strix™ Maritime Intelligence des spanischen Unternehmens Golden Owl verknüpft maritime, geopolitische, logistische, Wetter- und Marktdaten und soll damit die Entscheidungsfindung in der Schifffahrt unterstützen.
Eine weitere Anwendung sind intelligente Systeme zur Umfeldwahrnehmung. SEA.AI (Österreich), BOTIX (China) und STARLIGHTItalia (Italien) nutzen Sensorik und digitale Technologien, um Objekte und potenzielle Gefahren auf See frühzeitig zu erkennen. Solche Assistenzsysteme erhöhen die Sicherheit und schaffen zugleich Voraussetzungen für teilautomatisierte und perspektivisch autonome Schiffsoperationen. Auch Anschütz (Deutschland) zeigt mit AUTONOMICS CGA ein neues Navigationsassistenzsystem. Es kombiniert Sensordaten, eine COLREG-basierte Bewertung der Verkehrssituation und Manöverempfehlungen, um Navigatoren in komplexen Verkehrssituationen zusätzliche Orientierung zu geben.
Autonomie verlässt das Versuchsfeld
Ein weiteres Zukunftsfeld ist die zunehmende Automatisierung maritimer Prozesse. Roboter undDrohnen eröffnen neue Möglichkeiten für Inspektion, Wartung und Sicherheit. Vor allem dort, wo Arbeiten gefährlich, schwer zugänglich oder aufwendig sind, können autonome und ferngesteuerte Systeme Aufgaben übernehmen und Besatzungen entlasten.
Ein Beispiel ist das Unterwasserrobotersystem Hullius von Kongsberg Ferrotech (Norwegen), das Inspektions- und Reparaturarbeiten am Schiffsrumpf durchführen soll. Flyability (Schweiz) setzt auf Drohnen für die Prüfung schwer zugänglicher Bereiche. Für solche Remote Inspection Technologies werden auch auf regulatorischer Ebene entsprechende Verfahren weiterentwickelt. Ein weiteres Anwendungsfeld sind Rettungseinsätze: Das Start-up SALVOR (Deutschland) präsentiert mit ASSIST eine autonome Rettungsdrohne, die auf der SMM Weltpremiere feiert. Sie kombiniert autonome Flugfunktionen, KI-gestützte Suchmuster und die Ausbringung von Rettungsmitteln. AutoHook von Vestdavit (Norwegen) zeigt schließlich, wie automatisierte Systeme einzelne Aufgaben an Bord übernehmen können, die bislang manuell ausgeführt wurden.
Mehr Sicherheit durch intelligente Technologien
Neue Technologien sollen Gefahren früher erkennen und Menschen in Notsituationen besser schützen.
Bei der Brandfrüherkennung setzt Arges Marine (Südkorea) auf intelligente Flammen- und Branddetektionssysteme, die ihre Weltpremiere auf der SMM feiern. LISTEC (Deutschland) arbeitet ebenfalls an der Brandfrüherkennung. Auf den Schutz von Müttern und Neugeborenen in Notsituationen zielt die „Kanguro“-Rettungsweste von Veleria San Giorgio (Italien). Beim Thema Mann über Bord kommt auch intelligente Technik zum Einsatz. ZOE von Zelim (Großbritannien), vorgestellt durch Uni-Safe Rettungsgeräte (Deutschland), erkennt Personen, die über Bord gehen, automatisch und alarmiert die Besatzung in Echtzeit. Nach Unternehmensangaben handelt es sich um das erste nach ISO 21195 zertifizierte Mann-über-Bord-Erkennungssystem seiner Art.
Innovationen aus aller Welt
Die SMM unterstreicht ihren Charakter als internationale Innovationsplattform der maritimen Wirtschaft. Die vorgestellten Entwicklungen kommen aus zahlreichen Ländern – und immer häufiger greifen verschiedene Technologien ineinander.
„„Auf der SMM wird deutlich, wie viele unterschiedliche Lösungen die Branche derzeit entwickelt. Viele dieser Technologien sind längst keine Zukunftsvision mehr, sondern finden bereits ihren Weg in die Praxis. Diese Vielfalt hier in Hamburg zu zeigen, darauf sind wir stolz“, sagt Claus Ulrich Selbach, Vice President Exhibitions Maritime & Energy bei Hamburg Messe und Congress.
Welche Technologien sich langfristig durchsetzen, wird je nach Schiffstyp und Einsatzgebiet unterschiedlich sein.
